1. Das Nokia auf dem Bett
Ich kam an jenem Montagmorgen kurz nach sechs nach Hause. Die Schuhe trug ich in der Hand, damit Katharina mich nicht hörte. Das Wochenende hatte ich bei Julia verbracht, meiner Kollegin. Meiner Frau hatte ich erzählt, ich sei mit meinem Freund Daniel zum Wandern im Harz gewesen.
Als ich die Schlafzimmertür öffnete, saß Katharina auf der Bettkante.
Sie trug das dunkelgrüne Kleid, das sie sonst nur bei wichtigen Terminen anzog. Ihre Haare waren ordentlich frisiert, das Make-up dezent, die Hände lagen ruhig auf ihren Knien. Neben ihr befand sich ein sauber gefalteter Stapel Kleidung: das Hemd vom Freitagabend, meine Hose, die Socken und die Unterwäsche, die ich mitgenommen hatte.
Alles war gewaschen, gebügelt und sorgfältig zusammengelegt.
Oben auf dem Stapel lag ein altes graues Nokia, das ich seit mindestens zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte.
„Guten Morgen“, sagte Katharina.
Ihre Stimme klang vollkommen ruhig. Gerade diese Ruhe machte mir Angst.
„Hast du nicht geschlafen?“
Es war eine dumme Frage, aber in diesem Moment fiel mir nichts Besseres ein.
Katharina hob den Blick.
„Wie hätte ich schlafen sollen, wenn mein Mann drei Tage bei einer anderen Frau verbringt?“
Die Schuhe glitten mir aus der Hand und fielen neben die Tür.
„Wovon redest du? Ich habe dir doch gesagt, dass ich mit Daniel unterwegs war.“
„Matthias, hör auf.“
Sie nahm das alte Handy und reichte es mir.
„Schalte es ein. Der Code ist 1405.“
Der 14. Mai. Unser Hochzeitstag.

Mit steifen Fingern tippte ich die Zahlen ein. Auf dem kleinen Bildschirm erschien eine einzige Nachricht. Daniel hatte sie am Abend zuvor geschrieben.
Ich habe dich diesmal gedeckt. Aber bitte mich nie wieder darum. Katharina anzulügen fühlt sich falsch an. Du weißt, dass sie das nicht verdient.
Ich starrte auf die Worte.
„Es ist nicht so, wie du denkst“, sagte ich.
Katharina neigte leicht den Kopf.
„Dann erklär es mir.“
Für einen Moment glaubte ich tatsächlich, dass ich noch etwas retten könnte. Ich dachte, ich könnte von einer Krise sprechen, von Müdigkeit, vom Druck in der Firma und davon, dass wir uns in den vergangenen Jahren voneinander entfernt hatten.
„Julia und ich …“
Ich verstummte, als Katharina lächelte. Nicht wütend. Es war ein müdes, beinahe freundliches Lächeln.
„Julia Weber“, sagte sie. „Siebenunddreißig Jahre alt, Projektleiterin in deiner Firma. Seit zwei Jahren geschieden. Sie wohnt in der Schlüterstraße im dritten Stock. Am Freitag bist du kurz nach acht bei ihr angekommen. Am Samstag habt ihr in einem Restaurant an der Alster gegessen. Am Sonntag habt ihr die Wohnung kaum verlassen.“
Meine Kehle wurde trocken.
„Du hast mich beobachten lassen?“
„Zwei Monate lang.“
Sie öffnete die Schublade des Nachttisches und holte eine schwarze Mappe heraus. Darin lagen einige Fotos, Rechnungen und ausgedruckte Nachrichten. Es waren keine Hunderte von Seiten wie in einem Film. Es waren nur wenige Belege.
Aber sie reichten.
Ich vor Julias Haustür.
Ich mit einem Strauß Tulpen in der Hand.
Meine Nachricht an sie, in der ich geschrieben hatte, dass ich mich an ihrer Seite endlich wieder lebendig fühlte.
Katharina schloss die Mappe.
„Den Rest habe ich vor drei Monaten auf deinem Handy gefunden. Du hattest es in der Küche liegen lassen, während du geduscht hast. Als Code benutzt du noch immer das Geburtsjahr unserer Tochter.“
Ich setzte mich auf das Bett.
„Katharina, es tut mir leid.“
Sie stand auf.
„In zwei Stunden haben wir einen Termin bei meiner Anwältin.“
„Du willst dich scheiden lassen?“
Katharina schwieg einige Sekunden.
„Ich hatte gehofft, dass du von selbst zurückkommst. Dass du irgendwann innehältst und dich fragst, was du da eigentlich tust. Jeden Tag habe ich darauf gewartet.“
Sie sah auf den Stapel mit meiner Kleidung.
„Aber es ist nicht passiert.“
Dann verließ sie das Zimmer und ließ mich mit dem noch immer leuchtenden Nokia in der Hand zurück.
2. Das Parfüm, das nicht ihres war

Fünfundzwanzig Minuten später saßen wir uns am Küchentisch gegenüber. Katharina arbeitete an ihrem Laptop. Vor mir stand eine Tasse Kaffee, die längst kalt geworden war.
„Neunzehn Jahre kann man nicht an einem einzigen Morgen auslöschen“, sagte ich.
Sie blickte nicht auf.
„Ich lösche nichts aus. Ich versuche nur herauszufinden, was davon noch übrig ist.“
„Es war ein Fehler.“
„Ein Fehler dauert einen Augenblick. Du hast dir ein zweites Zimmer in deinem Leben eingerichtet und bist jede Woche dorthin gefahren.“
Der Satz machte mich wütend. Wahrscheinlich, weil er so genau war.
„Seit wann weißt du es?“
Katharina klappte den Laptop zu.
„Seit fast einem Jahr.“
Ich sah sie verständnislos an.
Sie erzählte mir, dass ich eines Abends mit einem süßen, schweren Parfümgeruch auf meinem Hemd nach Hause gekommen war. Es war kein Duft, den sie benutzte. Eine Woche später hatte Katharina mir das Mittagessen ins Büro bringen wollen. Julia saß im Besprechungsbereich und trug dasselbe Parfüm.
Katharina hatte keine Szene gemacht. Sie war mit der noch verschlossenen Tasche voller Essen wieder nach Hause gefahren.
„Warum hast du mich nicht sofort zur Rede gestellt?“
„Weil ich mir nicht anhören wollte, dass ich eifersüchtig, erschöpft oder paranoid bin. Ich musste wissen, ob es nur ein Verdacht war oder eine bewusste Entscheidung von dir.“
„Du hast also ein Jahr gewartet und deine Wut gesammelt?“
„Nein. Ich habe mich vorbereitet.“
Sie hatte die Konten geprüft, die Unterlagen für unser Haus zusammengesucht und nachvollzogen, wie viel Geld in den Aufbau meiner Firma geflossen war. Sie hatte eine Anwältin aufgesucht und eine kleine Wohnung gefunden, in die sie notfalls ziehen konnte.
Dann nannte sie den Namen, vor dem ich mich am meisten fürchtete.
„Ich habe auch mit Lena gesprochen.“
Ich sprang auf.
„Du hast unsere Tochter da hineingezogen?“
„Lena ist dreiundzwanzig. Sie ist kein Kind mehr.“
„Du hattest nicht das Recht, ihr alles zu erzählen, ohne mit mir zu sprechen.“
Katharina legte beide Hände auf den Tisch.
„Sie hatte längst mehr verstanden, als wir glaubten.“
Sie wiederholte die Worte unserer Tochter fast genau.
Mama, Papa ist schon lange ein Fremder geworden. Wenn er zum Abendessen kommt, schaut er ständig auf sein Handy. Wenn ich ihm etwas erzähle, bittet er mich später, es noch einmal zu sagen. Er ist nur noch körperlich anwesend.
Ich antwortete nicht.
Meine Beziehung mit Julia dauerte seit acht Monaten. Von meiner Familie hatte ich mich jedoch schon viel früher entfernt.
Katharina stand auf und nahm ihre Handtasche.
„Wir müssen los.“
Während der Fahrt sprachen wir kein Wort. Sie hielt beide Hände am Lenkrad. Ich sah aus dem Fenster und suchte nach einem Satz, mit dem ich alles wieder an seinen alten Platz bringen könnte.
Ich fand keinen.
3. Was ich über sie vergessen hatte

Ich lernte Katharina kennen, als wir beide Anfang dreißig waren. Sie arbeitete im Controlling eines Pharmaunternehmens und verdiente fast so viel wie ich. Sie war genau, ehrgeizig und besaß die seltene Fähigkeit, in Zahlen Dinge zu erkennen, die anderen entgingen.
Als Lena geboren wurde, beschlossen wir gemeinsam, dass Katharina einige Jahre zu Hause bleiben würde.
Zumindest hatte ich die Geschichte lange so erzählt.
Die Wahrheit war weniger bequem. Meine Mutter konnte uns nicht bei der Kinderbetreuung helfen, meine Arbeitszeiten wurden immer unregelmäßiger und ich versuchte gerade, mit meinem Kollegen Christian eine Unternehmensberatung zu gründen. Katharina war diejenige, die ihre sichere Stelle, ihre Rentenbeiträge und ihre beruflichen Möglichkeiten aufgab.
„Ich steige später wieder ein“, sagte sie damals.
Ich nickte, überzeugt davon, dass es für dieses „später“ immer noch genug Zeit geben würde.
In dieser Zeit floss ein Teil des Erbes ihrer Großmutter in meine Firma. Es waren fünfundvierzigtausend Euro für die Gründung, die erste Büromiete und Ausgaben, die die Bank nicht finanzieren wollte.
„Sobald die Firma Gewinne macht, zahle ich dir alles zurück“, versprach ich.
Vollständig tat ich es nie.
Im Laufe der Jahre wuchs das Unternehmen. Ich reiste zu Kunden, nahm an Geschäftsessen teil und sprach oft von den Opfern, die meine Karriere von mir verlangte. Katharina kümmerte sich um das Haus, begleitete Lena durch die Schulzeit, half meinen Eltern und verwaltete unsere privaten Finanzen.
Sie war nicht weniger fähig geworden.
Ich hatte nur aufgehört, sie als fähige Frau wahrzunehmen.
Wenn wir mit Freunden oder Kollegen zusammensaßen, erzählte ich oft, Katharina habe sich für ein ruhigeres Leben entschieden. Ich sagte es so, als hätte ich ihr Sicherheit geboten und sie hätte diese dankbar angenommen.
Erst viel später verstand ich, dass ich mir eine Version unserer Ehe geschaffen hatte, in der alles, was Katharina tat, selbstverständlich war. Alles, was ich tat, galt dagegen als Leistung.
Julia gab mir das Gefühl, interessant zu sein. Sie hörte mir zu, wenn ich über meine Arbeit sprach, lachte über meine Geschichten und sagte, Katharina verstehe mich nicht mehr.
Ich hatte Julia erzählt, unsere Ehe sei längst vorbei. Wir würden nur noch aus Gewohnheit unter einem Dach leben und ich würde die Trennung einleiten, sobald einige Dinge geregelt seien.
Das war nicht wahr.
Ich hatte mit Katharina nie ernsthaft über eine Trennung gesprochen. Noch eine Woche zuvor hatte ich sie gefragt, wohin wir im Sommer fahren wollten.
Ich hatte zwei verschiedene Leben erschaffen und jeder Frau genau die Geschichte erzählt, die ich brauchte, um weitermachen zu können.
4. Im Büro der Anwältin

Katharinas Anwältin hieß Dr. Sabine Keller. Sie war Anfang fünfzig, hatte eine schlichte Kanzlei in Hamburg-Eppendorf und sprach mit der Ruhe eines Menschen, der nicht laut werden musste, um ernst genommen zu werden.
Sie bat uns, vor ihrem Schreibtisch Platz zu nehmen.
„Frau Bergmann hat mich gebeten, einen Vorschlag für eine Trennungsvereinbarung vorzubereiten“, sagte sie. „Das ist noch keine endgültige Vereinbarung. Herr Bergmann hat selbstverständlich das Recht, sich von einem eigenen Anwalt beraten zu lassen.“
Diese Worte gaben mir für einen Moment das Gefühl zurück, die Situation noch kontrollieren zu können.
Dann öffnete Dr. Keller eine Mappe.
Das Haus, in dem wir lebten, gehörte Katharina und mir gemeinsam. Ein kleiner Teil des Kredits war noch offen. Die Ferienwohnung an der Ostsee, die wir zwölf Jahre zuvor gekauft hatten, gehörte ebenfalls uns beiden. Unsere Ersparnisse waren nicht so hoch, wie ich andere oft glauben ließ, aber sie würden beiden einen Neuanfang ermöglichen.
Das eigentliche Problem war die Firma.
„Das Startkapital“, erklärte die Anwältin, „stammte teilweise aus dem persönlichen Vermögen von Frau Bergmann. Es gibt Überweisungen, Briefe und eine von Ihnen beiden unterschriebene Vereinbarung.“
Ich drehte mich zu meiner Frau.
„Welche Vereinbarung?“
Katharina sah mich an, ohne jede Genugtuung.
„Die Vereinbarung, die du unterschrieben hast, als wir das Geld meiner Großmutter verwendet haben. Darin steht, dass die Summe zurückgezahlt wird, sobald die Firma wirtschaftlich stabil ist.“
Ich erinnerte mich nur noch undeutlich an dieses Blatt Papier. Damals hatte ich es für eine Formalität zwischen Eheleuten gehalten.
Für Katharina war es nie nur eine Formalität gewesen.
„Sie kann nicht die Hälfte meiner Firma verlangen“, sagte ich.
„Ich verlange nicht die Hälfte deiner Firma“, antwortete Katharina. „Ich möchte das Geld zurück, das ich investiert habe, angemessen angepasst. Außerdem soll berücksichtigt werden, dass ich jahrelang auf meine Karriere verzichtet habe, damit du deine aufbauen konntest.“
„Christian wird niemals akzeptieren, dass du in die Firma einsteigst.“
„Ich will gar nicht in die Firma einsteigen.“
Dr. Keller erklärte, Christian sei bereit, einen Teil meiner Geschäftsanteile zu übernehmen, falls wir eine Einigung erzielten. Mit diesem Geld sollte Katharinas Investition zurückgezahlt werden. Gleichzeitig würde es ihr ermöglichen, beruflich neu anzufangen.
Es handelte sich nicht um eine geheime Intrige. Christian wusste von Anfang an, dass ein Teil des Startkapitals von Katharina gekommen war. Als sie ihn um ein Gespräch gebeten hatte, hatte er mit dem Steuerberater gesprochen und den Kauf eines Teils meiner Anteile geprüft.
„Du hast hinter meinem Rücken mit meinem Geschäftspartner gesprochen.“
„Ich habe mit dem Mann gesprochen, der sich fünfzehn Jahre lang anhören musste, dass diese Firma nur wegen deines Mutes existiert.“
Katharina lächelte nicht.
„Offenbar konnte er sich auch noch an meinen Anteil erinnern.“
Der Vorschlag sah vor, das Haus innerhalb eines Jahres zu verkaufen, sofern keiner von uns den Anteil des anderen übernehmen konnte. Auch die Wohnung an der Ostsee sollte verkauft werden. Die gemeinsamen Ersparnisse würden nach Abzug der offenen Schulden geteilt.
Ich würde weiterhin einen bedeutenden Teil der Firma besitzen, aber einen Teil meiner Anteile und meines Einflusses verlieren.
„Du willst mir alles wegnehmen“, sagte ich.
Katharina atmete langsam ein.
„Ich will dir nichts wegnehmen. Ich will nur nicht länger in all den Dingen verschwinden, die wir gemeinsam aufgebaut haben.“
Dieser Satz blieb länger im Raum als alles andere, was an jenem Vormittag gesagt wurde.
5. Julia kannte nur einen Teil der Wahrheit

Als ich die Kanzlei verließ, rief ich Julia an.
Sie ging nicht ans Telefon.
Ich versuchte es erneut auf dem Gehweg, später im Taxi und noch einmal, als ich zu Hause ankam. Beim vierten Versuch war ihr Handy nicht mehr erreichbar.
Im Flur standen zwei Koffer.
Es waren nicht alle meine Sachen. Katharina hatte nur das Nötigste für einige Tage eingepackt: Kleidung, Medikamente, Ladegeräte und einige Dokumente. Außerdem hatte sie mir ein Zimmer in einem Apartmenthotel unweit meines Büros reserviert.
„Für eine Woche“, sagte sie. „Danach musst du selbst entscheiden, wo du bleibst.“
„Du wirfst mich aus meinem eigenen Haus.“
„Ich bitte dich, nicht neben mir zu schlafen, während du das Ende unserer Familie bereits organisiert hast.“
Mein Handy vibrierte. Es war eine Nachricht von Julia.
Katharina hat mir geschrieben. Sie hat mir nur drei Bildschirmfotos geschickt. Auf einem fragst du sie, wohin ihr im Sommer fahren wollt. Auf einem anderen schreibst du mit deiner Tochter über das Sonntagsessen. Auf dem dritten behauptest du mir gegenüber, ihr würdet seit zwei Jahren in getrennten Zimmern schlafen. Ruf mich nie wieder an.
Ich sah Katharina an.
„Du hast ihr geschrieben.“
„Ja.“
„Um dich an mir zu rächen?“
„Du hast ihr erzählt, unsere Ehe sei vorbei. Ich dachte, sie hätte ein Recht darauf zu erfahren, dass das nicht stimmt.“
„Du hättest sie da nicht hineinziehen dürfen.“
„Du hast sie hineingezogen.“
Darauf konnte ich nichts erwidern.
Ich nahm die Koffer und verließ das Haus.
Das Apartmenthotel hatte ein schmales Bett, einen kleinen Schreibtisch an der Wand und einen fast leeren Kühlschrank. Das Fenster zeigte auf einen Hinterhof, in dem jeden Morgen die Müllabfuhr zu hören war.
In der ersten Nacht redete ich mir ein, Katharina würde sich wieder beruhigen. Lena würde mich anrufen. Julia würde nach ein paar Tagen verstehen, wie kompliziert die Situation war.
Keine von ihnen tat es.
Daniel schickte mir nur einen Satz:
Du bist mein Freund, aber diesmal kann ich dir nicht helfen.
Ich schlief erst gegen Morgen ein, noch vollständig angezogen und mit dem Handy auf dem Kissen neben mir.
6. Meine Tochter hasste mich nicht

Die Trennung dauerte mehrere Monate. Sie verlief weder schnell noch angenehm.
Ich suchte mir einen eigenen Anwalt. Ich widersprach manchen Zahlen, versuchte, das Haus zu behalten, und weigerte mich zunächst, Geschäftsanteile zu verkaufen. Immer wenn ein Dokument etwas zeigte, das für mich ungünstig war, behauptete ich, Katharina wolle mich bestrafen.
Schließlich fanden wir eine Einigung.
Christian kaufte einen Teil meiner Anteile. Ich blieb in der Firma, war aber nicht mehr der Mann, der allein über alles entschied. Mit dem Geld zahlte ich Katharinas damalige Investition zurück und beglich weitere offene Ansprüche, die wir jahrelang verdrängt hatten.
Das Haus wurde verkauft. Katharina zog in eine helle Wohnung in der Nähe ihrer Schwester. Ich mietete eine kleinere Wohnung am Stadtrand.
Ich verlor weder meine Arbeit noch wurde ich aus meinem Beruf ausgeschlossen. So funktioniert das wirkliche Leben nicht. Ich arbeitete weiter, aber einige Beziehungen veränderten sich. Christian vertraute mir nicht mehr wie früher. Das lag nicht nur an meiner Affäre, sondern auch daran, dass ich einige private Ausgaben über die Firmenkarte bezahlt hatte.
Es waren keine riesigen Beträge. Restaurantbesuche, Hotelrechnungen und kleine Geschenke. Aber es reichte, damit Christian von da an jede Abrechnung genauer kontrollierte.
Am schwersten fiel mir Lenas Schweigen.
Fast zwei Monate vergingen, bevor sie mir schrieb.
Papa, ich hasse dich nicht. Aber ich bin sehr enttäuscht. Viele Jahre lang warst du für mich das Beispiel eines Mannes, der seine Familie liebt und beschützt. Jetzt muss ich herausfinden, was davon wirklich wahr war und was ich nur gesehen habe, weil ich deine Tochter bin.
Ich las die Nachricht mindestens fünfmal.
Ich antwortete, dass ich ihre Vergebung nicht verdient hätte, aber alles tun würde, um ihr Vertrauen zurückzugewinnen.
Einige Minuten später erschien eine zweite Nachricht.
Versprich nicht zu viel. Fang mit den kleinen Dingen an.
Genau das tat ich.
Ich schickte ihr keine teuren Geschenke. Ich versuchte nicht, sie davon zu überzeugen, dass ihre Mutter überreagiert hatte. Ich erzählte ihr auch nicht ständig, wie sehr ich litt, um ihr Mitleid zu bekommen.
Einmal im Monat trafen wir uns auf einen Kaffee.
Am Anfang sprachen wir nur über das Wetter, die Arbeit und den Verkehr. Lena behielt ihren Mantel an und blickte häufig auf die Uhr. Doch langsam begann sie, mir wieder etwas mehr aus ihrem Leben zu erzählen.
Ich versuchte zuzuhören, ohne sie zu unterbrechen.
Eines Abends sagte sie:
„Weißt du, was in den letzten Jahren am schlimmsten war? Wenn ich mit dir gesprochen habe, sah es immer so aus, als würdest du nur auf den Moment warten, endlich wieder auf dein Handy schauen zu können.“
Ich senkte den Blick.
„Das war mir nicht bewusst.“
„Ich weiß. Genau das war das Problem.“
7. Was übrig bleibt, wenn die Fassade verschwindet

Nach der Scheidung begann ich eine Therapie.
Lange hatte ich geglaubt, nur schwache Menschen oder Menschen, die ihre Probleme nicht selbst lösen konnten, gingen zu einer Therapeutin. Dann begriff ich, dass ich fast keines meiner Probleme gelöst hatte. Ich hatte sie lediglich so lange verschoben, bis sie zur Verantwortung eines anderen Menschen geworden waren.
Ich sprach über meinen Vater, der den Wert eines Mannes an dessen Karriere und der Aufmerksamkeit von Frauen maß. Ich sprach über meine Angst vor dem Älterwerden, über mein Bedürfnis nach Bewunderung und darüber, wie leicht ich Verlangen mit Liebe verwechselt hatte.
Ich fand keine Entschuldigung.
Ich entdeckte nur eine lange Reihe von Entscheidungen, die ich nie bei ihrem richtigen Namen hatte nennen wollen.
Durch Lena erfuhr ich, dass Katharina wieder arbeitete. Zunächst unterstützte sie eine kleine Beratungsfirma, später machte sie sich selbstständig. Sie wurde nicht plötzlich reich und versuchte auch nicht, irgendjemandem etwas zu beweisen. Sie hatte einige feste Kunden, einen Arbeitsplatz in einem Gemeinschaftsbüro und ein Leben, das sich endlich nicht mehr nach meinen Terminen richtete.
Eines Nachmittags sah ich sie zufällig in der Hamburger Innenstadt.
Sie ging neben einem Mann, den ich nicht kannte. Sie trug einen hellen Mantel und lachte über etwas, das er gerade gesagt hatte. Sie sah nicht jünger aus.
Sie sah leichter aus.
Ich blieb kurz stehen, rief sie aber nicht.
Zum ersten Mal verstand ich, dass es keine großzügige Geste von mir war, sie gehen zu lassen. Es war lediglich der geringste Respekt, den ich ihr noch schuldete.
Zwei Jahre später schrieb Lena mir, dass ihre Mutter erneut heiraten würde. Es sollte eine kleine Feier werden, nur mit der Familie und wenigen engen Freunden.
Ich saß lange mit dem Handy in der Hand da.
Dann antwortete ich:
Das freut mich wirklich. Deine Mutter hat es verdient, glücklich zu sein.
Diesmal spielte ich nichts vor.
Meine Wohnung war inzwischen wohnlicher geworden. Ich hatte ein Bücherregal, einen gebrauchten Sessel und einige Pflanzen gekauft, die ich nicht eingehen lassen wollte. Lena hatte mir eine ältere Katze aus dem Tierheim geschenkt. Während ich arbeitete, schlief sie häufig auf der Fensterbank.
Mein Leben war kleiner geworden als das, das ich mir früher vorgestellt hatte.
Aber es war auch ehrlicher.
Jahrelang hatte ich wichtig, erfolgreich und begehrenswert wirken wollen. Beim Versuch, dieses Bild zu bewahren, hatte ich aufgehört, die Frau zu sehen, die einen Teil ihres eigenen Lebens aufgegeben hatte, um mit mir eine Familie aufzubauen. Schließlich hatte ich sogar aufgehört, meine Tochter wirklich wahrzunehmen.
Ich kann nicht ändern, was ich getan habe. Ich kann Katharinas Schmerz auch nicht zu einer nützlichen Lektion für mich machen, nur weil ich heute in der Lage bin, ihn zu verstehen.
Aber ich kann aufhören zu lügen.
Zu spät habe ich gelernt, dass es nicht genügt, Zuneigung für einen Menschen zu empfinden. Jemanden zu lieben bedeutet auch, sich an gewöhnlichen Tagen immer wieder für ihn zu entscheiden. An Tagen, an denen niemand applaudiert, das Haus still ist und das Leben nicht mehr so aufregend erscheint wie am Anfang.
Ich habe das nicht rechtzeitig gelernt, um Katharinas Ehemann zu bleiben.
Vielleicht habe ich es gerade noch rechtzeitig gelernt, um Schritt für Schritt wieder ein wirklicher Vater für Lena zu werden.



