Als Mutter der Braut saß ich in der siebten Reihe – nach ihrer Rede bat mich meine Tochter, früher zu gehen

Margit brauchte fast eine Stunde, um sich für die Ohrringe zu entscheiden.

Nicht, weil sie besonders eitel war. Mit achtundsechzig hatte sie längst aufgehört, sich für andere jünger oder wohlhabender machen zu wollen. Doch an diesem Samstagmorgen stand die Hochzeit ihrer einzigen Tochter bevor, und Margit wollte aussehen wie jemand, der selbstverständlich zu diesem Tag gehörte.

Schließlich nahm sie die kleinen Perlenohrringe aus einer Schachtel im Badezimmerschrank. Sie hatten ihrer Mutter gehört und waren seit deren Beerdigung nicht mehr getragen worden.

Auf dem Bett lag eine bordeauxrote Bluse, sorgfältig gebügelt. Daneben stand ein Geschenk, das Margit über Monate bezahlt hatte: sechs handgefertigte Keramikteller, eine Schale und zwei kleine Tassen aus einer Werkstatt in Hildesheim.

Das Telefon klingelte.

„Bist du schon fertig?“, fragte ihre Schwester Hannelore.

„Fast.“

„Und wie fühlst du dich?“

Margit sah sich im schmalen Spiegel an.

„Ich glaube, heute wird vieles leichter.“

Am anderen Ende blieb es einen Moment still.

„Erwarte nicht, dass ein einziger Tag alles repariert“, sagte Hannelore vorsichtig.

Margit steckte die Ohrringe an.

„Ich erwarte keine Wunder. Ich möchte nur, dass Nina mich wieder als ihre Mutter ansieht.“

Drei Stunden später saß Margit in der siebten Reihe der Kirche, während die ersten beiden Reihen mit Menschen gefüllt waren, die ihre Tochter erst seit wenigen Jahren kannten.

Da begann sie zu verstehen, dass Nina für diesen Tag möglicherweise etwas ganz anderes geplant hatte als einen Neuanfang.

1. Die Jahre, über die sie nie richtig gesprochen hatten

Margit hatte Nina allein großgezogen, seit ihr Mann Rolf kurz nach dem zwölften Geburtstag der Tochter gestorben war.

Rolf war Busfahrer gewesen. Ein ruhiger Mann, der sonntags Pfannkuchen machte und jedes Jahr behauptete, der Weihnachtsbaum sei „diesmal wirklich gerade“, obwohl er immer leicht nach links hing.

Nach seinem Tod blieb Margit mit einer kleinen Witwenrente, einer Mietwohnung in Hannover-Linden und einem Kind zurück, das plötzlich nicht mehr über Gefühle sprechen wollte.

Tagsüber arbeitete sie in der Kantine einer Versicherung. An drei Abenden pro Woche putzte sie Büros. Später nahm sie zusätzlich Samstagsschichten in einer Bäckerei an.

Nina sollte das Abitur machen und studieren können. Das war für Margit nie eine Frage gewesen.

Sie bezahlte Nachhilfe, den Führerschein und später ein Zimmer in Göttingen. Als im letzten Studienjahr das Geld knapp wurde, verkaufte sie Rolfs Armbanduhr. Nina erfuhr davon erst Monate später und reagierte nicht mit Dankbarkeit, sondern mit Ärger.

„Warum hast du mir das nicht gesagt?“, fragte sie.

„Dann hättest du dir Sorgen gemacht.“

„Vielleicht möchte ich selbst entscheiden, worüber ich mir Sorgen mache.“

Margit verstand die Reaktion nicht. Für sie war das Verkaufen der Uhr ein praktischer Schritt gewesen. Für Nina wurde es zu einem weiteren Beweis dafür, dass jede Hilfe der Mutter mit einer unsichtbaren Schuld verbunden war.

Dabei hatte Margit nie Geld zurückverlangt.

Aber sie sprach häufig über die Jahre, in denen alles schwierig gewesen war. Wenn Nina einen Urlaub absagte oder Weihnachten bei Freunden verbringen wollte, sagte Margit Sätze wie:

„Früher haben wir immer zusammengehalten.“

Oder:

„Seit du weg bist, ist es sehr still hier.“

Sie meinte damit nicht: Du bist undankbar.

Doch Nina hörte es so.

2. Der Abstand nach dem Studium

Nach ihrem Abschluss fand Nina eine Stelle in einer Personalberatung in Hannover. Dort lernte sie Tobias kennen.

Er war sieben Jahre älter, arbeitete als Bauingenieur und wirkte auf Margit von Anfang an freundlich, wenn auch etwas zurückhaltend. Beim ersten gemeinsamen Abendessen half er beim Abräumen und fragte Margit nach Rolf, ohne dass die Frage neugierig oder pflichtbewusst klang.

Nina zog nach einem Jahr zu ihm.

Danach veränderte sich der Kontakt langsam.

Zunächst fielen einzelne Sonntagsbesuche aus. Dann wurden Telefonate kürzer. Wenn Margit anrief, schrieb Nina oft:

Bin gerade beschäftigt. Melde mich später.

Später kam selten.

Margit begann, häufiger nachzufragen. Sie schickte morgens eine Nachricht, mittags eine zweite und abends manchmal noch eine dritte.

Ist alles in Ordnung?

Du hast meine Nachricht gelesen.

Ich mache mir Sorgen.

Nina empfand das als Kontrolle.

„Wenn ich nicht antworte, heißt das nicht, dass etwas passiert ist“, sagte sie bei einem ihrer seltenen Besuche.

„Ich möchte doch nur wissen, ob es dir gutgeht.“

„Aber ich muss dir ständig beweisen, dass es mir gutgeht.“

Margit zog sich für einige Wochen zurück. Dann näherte sich Weihnachten, und sie fragte doch wieder, wann Nina komme.

Der Streit eskalierte.

„Du machst aus jedem Treffen eine Prüfung“, sagte Nina.

„Welche Prüfung?“

„Ob ich oft genug anrufe. Ob ich lange genug bleibe. Ob ich dankbar genug bin.“

Margit war verletzt.

„Ich habe nie Dankbarkeit verlangt.“

Nina sah sie an.

„Du verlangst sie, ohne das Wort zu benutzen.“

Danach hörten sie fast zwei Monate nichts voneinander.

3. Die Einladung

Als Nina und Tobias ihre Verlobung bekannt gaben, erfuhr Margit es nicht persönlich.

Sie sah ein Foto in einem Familienchat. Nina hielt einen schlichten Ring in die Kamera. Tobias stand hinter ihr und lächelte.

Margit schrieb sofort:

Ich freue mich für euch. Von ganzem Herzen.

Nina antwortete mit einem roten Herz.

Zwei Wochen später kam die Einladung per Post.

Der Umschlag war cremefarben. Auf der Karte standen Ort, Uhrzeit und eine Bitte um Rückmeldung. Kein persönlicher Satz.

Margit rief trotzdem an.

„Die Karte ist angekommen.“

„Gut.“

„Kann ich etwas helfen?“

„Wir haben eine Hochzeitsplanerin.“

„Vielleicht beim Kleid? Oder bei den Blumen?“

„Das ist schon alles organisiert.“

Margit schluckte.

„Dann freue ich mich einfach auf den Tag.“

Nina schwieg kurz.

„Mama, bitte mach die Hochzeit nicht zu einem Gespräch über uns.“

„Das wollte ich nicht.“

„Gut.“

Margit legte auf und redete sich ein, Nina sei nur angespannt.

Hannelore war weniger überzeugt.

„Hast du Tobias in letzter Zeit gesprochen?“

„Nein.“

„Vielleicht solltest du ihn fragen, wie der Tag geplant ist.“

„Ich werde mich nicht einmischen.“

Margit wollte diesmal alles richtig machen. Keine zusätzlichen Nachrichten. Keine Fragen nach den Sitzplätzen. Keine Bemerkungen darüber, wie viel sie früher für Nina getan hatte.

Sie wollte einfach erscheinen, lächeln und ihrer Tochter zeigen, dass Liebe auch still sein konnte.

4. Die siebte Reihe

Die kirchliche Trauung fand in einer kleinen Kirche bei Celle statt. Draußen standen weiße Rosen in hohen Töpfen. Im Inneren waren die Bänke mit Efeu und schmalen Stoffbändern geschmückt.

Margit kam vierzig Minuten zu früh.

Am Eingang begrüßte sie ein Mann mit Klemmbrett.

„Margit Seidel?“

„Ja. Ich bin die Mutter der Braut.“

Er prüfte seine Liste.

„Siebte Reihe, links außen.“

Margit glaubte zunächst, sich verhört zu haben.

„Sind die vorderen Plätze nicht für die Familie?“

„Die Sitzordnung wurde vom Brautpaar festgelegt.“

Er sagte es freundlich, aber endgültig.

Margit ging langsam nach vorn. In den ersten Reihen saßen Tobias’ Eltern, seine Schwester, mehrere Cousins und zwei ältere Ehepaare, die Margit nicht kannte. Später kamen Ninas Kolleginnen und ihre Trauzeugin hinzu.

Hannelore, die in derselben Reihe wie Margit saß, legte ihr eine Hand auf den Arm.

„Du musst nicht bleiben, wenn es dir zu viel wird.“

„Doch“, sagte Margit. „Es ist die Hochzeit meiner Tochter.“

Als Nina den Mittelgang betrat, erhoben sich die Gäste.

Sie trug ein schlichtes Kleid mit langen Ärmeln. Ihr Haar war locker hochgesteckt. Margit sah für einen Moment wieder das Mädchen, das früher im Wohnzimmer mit einem Handtuch auf dem Kopf Hochzeit gespielt hatte.

Nina lächelte nach links und rechts.

Als sie an der siebten Reihe vorbeikam, trafen sich ihre Blicke für einen kurzen Augenblick.

Nina lächelte nicht.

Sie sah sofort wieder nach vorn.

5. Tisch elf

Beim Empfang fand Margit ihren Namen auf einer Karte am Eingang des Festsaals.

Tisch elf.

Der Tisch stand nahe der Küchentür. Jedes Mal, wenn Personal mit Tellern hindurchging, zog für einen Moment warme Luft mit dem Geruch von Bratensoße und Spülmittel vorbei.

Margit saß neben einer ehemaligen Nachbarin von Tobias’ Eltern und einem pensionierten Apotheker, der niemanden am Tisch kannte.

Eine Frau in einer fliederfarbenen Strickjacke fragte:

„Sind Sie mit der Braut verwandt?“

Margit nahm einen Schluck Wasser.

„Ich bin ihre Mutter.“

Die Frau blickte erst zu Margit, dann zum Haupttisch.

„Ach so.“

Danach wechselte sie das Thema.

Das Geschenk konnte Margit nicht persönlich übergeben. Eine Mitarbeiterin nahm es entgegen und stellte es zu den anderen Paketen.

„Nina öffnet alles später“, erklärte sie.

Margit beobachtete ihre Tochter aus der Entfernung. Nina lachte mit ihren Freundinnen, legte den Kopf an die Schulter von Tobias’ Mutter und ließ sich für Fotos durch den Saal führen.

Tobias bemerkte Margit mehrmals. Einmal hob er entschuldigend die Hand, als wolle er sagen, er komme später.

Er kam nicht.

Kurz vor dem Essen ging Margit zur Toilette. Auf dem Rückweg hörte sie im Flur zwei Brautjungfern sprechen.

„Ich dachte, die Mutter kommt gar nicht“, sagte eine.

„Nina wollte sie zuerst auch nicht einladen.“

Margit blieb hinter einer halb geöffneten Tür stehen.

„Warum ist sie dann hier?“

„Tobias bestand darauf. Er meinte, man könne die eigene Mutter nicht einfach weglassen.“

Die Frauen gingen weiter.

Margit wartete, bis ihre Schritte nicht mehr zu hören waren.

Dann kehrte sie an Tisch elf zurück und faltete ihre Serviette neu, obwohl sie bereits ordentlich neben dem Teller lag.

6. Die Rede über die „wahre Familie“

Nach dem Hauptgang begannen die Reden.

Tobias dankte seinen Eltern, seiner Schwester und den Freunden, die das Paar in den vergangenen Jahren begleitet hatten. Er erzählte von seinem ersten Treffen mit Nina und davon, dass sie grundsätzlich fünf Minuten zu früh zu Terminen erschien, aber bei jeder Reise etwas Wichtiges vergaß.

Die Gäste lachten.

Dann stand Nina auf.

Sie hielt ihr Glas in beiden Händen und sprach zunächst über Tobias. Danach bedankte sie sich bei ihrer Trauzeugin und bei Tobias’ Eltern.

„In den letzten Jahren habe ich gelernt, dass Familie nicht nur aus Menschen besteht, mit denen man verwandt ist“, sagte sie. „Familie sind diejenigen, bei denen man nicht ständig das Gefühl hat, etwas zurückzahlen zu müssen.“

Margit sah auf ihren Teller.

„Menschen, die einen wachsen lassen, ohne jedes Mal daran zu erinnern, was sie dafür geopfert haben.“

Einige Gäste nickten.

Nina sprach nicht ihren Namen aus. Das musste sie auch nicht.

Margit wusste, für wen diese Sätze bestimmt waren.

Sie blieb sitzen, bis der Applaus begann. Dann nahm sie ihre Handtasche und ging in den Flur.

Dort traf sie auf Nina.

„Gehst du?“, fragte ihre Tochter.

„Ich brauche nur etwas Luft.“

Nina sah zur Saaltür.

„Vielleicht ist es wirklich besser, wenn du heute früher fährst.“

Margit antwortete nicht sofort.

„Warum hast du mich eingeladen?“

„Tobias wollte es.“

„Und du?“

Nina verschränkte die Arme.

„Ich wollte keinen Streit.“

„Ich habe keinen Streit angefangen.“

„Du musst nichts sagen. Deine Art, mich anzusehen, reicht.“

„Wie sehe ich dich denn an?“

„Als wäre ich dir etwas schuldig.“

Margit spürte, wie sich in ihr der alte Impuls regte: Sie wollte aufzählen, was sie alles getan hatte. Die Nachtschichten, die Studiengebühren, die verkaufte Uhr.

Sie tat es nicht.

„Ich wollte heute nur deine Mutter sein.“

Nina schüttelte den Kopf.

„Genau das ist das Problem. Du weißt nicht, wer du bist, wenn du nicht meine Mutter bist.“

Hinter ihnen öffnete sich die Saaltür.

Tobias stand im Durchgang.

7. Tobias hört zu

„Was passiert hier?“, fragte er.

Nina sah ihn an.

„Nichts. Mama wollte ohnehin gehen.“

„Das habe ich nicht gesagt“, antwortete Margit.

Tobias trat näher.

„Warum soll sie gehen?“

„Weil ich nicht den ganzen Abend beobachtet werden möchte.“

„Sie sitzt neben der Küche. Wie genau beobachtet sie dich?“

Nina wurde rot.

„Du verstehst das nicht.“

„Dann erklär es mir.“

„Nicht hier.“

„Du wolltest sie zuerst gar nicht einladen“, sagte Tobias. „Du hast sie in die siebte Reihe und an den letzten Tisch gesetzt. Jetzt bittest du sie zu gehen. Ich möchte verstehen, warum.“

Nina blickte zu Margit.

„Sie erzählt dir natürlich nur ihre Seite.“

„Sie hat mir gar nichts erzählt.“

Das stimmte. Tobias hatte Margit nie nach den Konflikten gefragt. Aber er hatte Hannelore drei Wochen zuvor besucht, nachdem er zufällig erfahren hatte, dass Margit nicht an der standesamtlichen Trauung teilnehmen sollte.

Hannelore hatte ihm keine Heiligengeschichte erzählt. Sie hatte gesagt, Margit könne klammern, zu häufig anrufen und aus Sorge Druck machen.

Aber sie hatte auch erzählt, dass Nina seit Jahren kaum Kontakt hielt und ihrer Mutter nie klar gesagt hatte, was sie brauchte. Stattdessen hatte sie sie immer weiter aus ihrem Leben geschoben.

„Deine Mutter hat Fehler gemacht“, sagte Tobias. „Aber das hier ist keine Grenze. Das ist eine Demütigung.“

„Du stellst dich an ihrer Hochzeit gegen mich?“

„Ich stelle mich dagegen, dass jemand hinausgeschickt wird, nachdem du ihn absichtlich an den Rand gesetzt hast.“

Nina atmete schnell.

„Dann geh doch mit ihr.“

Tobias sah sie lange an.

„Vielleicht sollten wir beide heute überhaupt nicht mehr vor diese Gäste treten, bevor wir miteinander gesprochen haben.“

Er nahm nicht seinen Ring ab. Er hielt keine Rede. Er öffnete nur die Tür zu einem kleinen Nebenraum und bat Nina, mitzukommen.

Sie weigerte sich.

Margit hörte ihre Tochter sagen:

„Du ruinierst gerade unsere Hochzeit.“

Tobias antwortete:

„Nein. Ich merke nur zu spät, dass wir über etwas sehr Wichtiges nie ehrlich gesprochen haben.“

Margit ging, bevor sie den Rest hörte.

8. Die Fahrt nach Hause

Hannelore fand sie draußen auf einer Bank.

Es war kühler geworden. Margit hielt die Handtasche auf dem Schoß und strich mit dem Daumen über eine der Perlen an ihrem Ohr.

„Wir fahren“, sagte Hannelore.

„Ich habe das Geschenk dort gelassen.“

„Das ist jetzt nicht wichtig.“

Im Auto sprach Margit lange nicht.

Kurz vor Hannover sagte sie:

„Vielleicht hat Nina recht.“

„Womit?“

„Dass ich ihr das Gefühl gegeben habe, mir etwas zu schulden.“

Hannelore hielt den Blick auf der Straße.

„Manchmal schon.“

Margit drehte sich zu ihr.

„Das hättest du mir sagen können.“

„Ich habe es versucht.“

„Nicht deutlich genug.“

„Du wolltest es nicht hören.“

Margit sah aus dem Fenster.

Hannelore fuhr weiter.

„Aber das erklärt nicht, was sie heute gemacht hat“, fügte sie hinzu. „Verstehen ist nicht dasselbe wie entschuldigen.“

In Hannelores Wohnung nahm Margit die Perlenohrringe ab und legte sie auf den Küchentisch.

Zum ersten Mal fragte sie sich nicht nur, warum Nina sich von ihr entfernt hatte.

Sie fragte sich auch, warum sie selbst jahrelang an einer Beziehung festgehalten hatte, in der jede kleine Aufmerksamkeit wie eine Belohnung wirkte.

9. Die Nachricht am nächsten Morgen

Am nächsten Tag schrieb Tobias.

Es tut mir leid, dass ich nicht früher verstanden habe, was zwischen euch passiert. Nina und ich brauchen Zeit. Sie ist bei einer Freundin. Ich möchte nichts über ihren Kopf hinweg entscheiden.

Margit antwortete:

Danke, dass du gestern nicht so getan hast, als wäre alles normal.

Von Nina kam zunächst nichts.

Drei Tage später erhielt Margit eine lange Nachricht.

Nina schrieb, ihre Mutter habe ihr ganzes Leben mit Sorge verwechselt. Jede Entscheidung sei kommentiert, jede Distanz als Ablehnung verstanden worden. Sie habe sich seit ihrer Jugend für Margits Einsamkeit verantwortlich gefühlt.

Am Ende stand:

Was auf der Hochzeit passiert ist, war falsch. Aber es ist nicht aus dem Nichts entstanden.

Margit las die Nachricht mehrmals.

Ihre erste Reaktion war Wut. Danach Scham. Schließlich erkannte sie, dass beides nebeneinander bestehen konnte.

Sie antwortete nicht sofort.

Zwei Tage später schrieb sie:

Du hast recht, dass ich dich zu oft für meine Einsamkeit verantwortlich gemacht habe. Du hast nicht recht damit, mich vor anderen zu bestrafen. Beides müssen wir voneinander trennen.

Nina schickte kein Herz und keine Entschuldigung.

Nur:

Vielleicht sollten wir reden.

10. Das erste ehrliche Gespräch

Sie trafen sich vier Wochen später in einer Familienberatungsstelle.

Der Raum war schlicht. Drei Sessel, ein niedriger Tisch und ein Fenster zum Parkplatz. Die Beraterin hieß Frau Krüger und bat beide, nicht über die Absichten der anderen zu sprechen, sondern nur über das, was sie selbst erlebt hatten.

Nina begann.

Sie erzählte, dass sie sich als Kind häufig schuldig gefühlt hatte, wenn Margit erschöpft nach Hause kam. Wenn die Mutter sagte, sie tue alles für Nina, hörte das Mädchen darin einen Auftrag: Du darfst mich niemals enttäuschen.

Margit wollte widersprechen.

Frau Krüger hob die Hand.

„Lassen Sie sie zuerst ausreden.“

Nina sprach über die Anrufe, die Nachrichten und die Erwartung, jeden Sonntag verfügbar zu sein. Über die Angst, jede Grenze könne wie Undankbarkeit wirken.

Dann war Margit an der Reihe.

Sie erzählte von den leeren Sonntagen, den unbeantworteten Nachrichten und dem Gefühl, nach Ninas Studium aus deren Leben verschwunden zu sein. Sie sprach über die siebte Reihe und den Tisch an der Küche.

„Ich hätte jede Grenze akzeptiert, wenn du sie mir ehrlich erklärt hättest“, sagte sie. „Aber du hast mich immer kleiner gemacht, bis ich selbst gehen sollte.“

Nina sah auf ihre Hände.

„Ich wollte, dass du einmal spürst, wie ich mich früher gefühlt habe.“

„Dann wolltest du mich verletzen.“

Nina nickte kaum sichtbar.

„Ja.“

Das war die erste wirkliche Wahrheit des Gesprächs.

Margit atmete langsam aus.

„Ich werde nicht mehr verlangen, dass du meine Einsamkeit löst. Aber ich werde auch nicht mehr um einen Platz in deinem Leben bitten.“

Nina begann zu weinen, ohne den Blick zu heben.

„Was bedeutet das?“

„Dass wir uns nur treffen, wenn wir beide es wollen. Keine Pflichtbesuche. Keine Tests. Keine öffentlichen Botschaften über den anderen.“

„Und wenn es nicht funktioniert?“

„Dann funktioniert es nicht.“

Margit hatte nie zuvor einen solchen Satz zu ihrer Tochter gesagt.

11. Was von der Hochzeit blieb

Die Ehe von Nina und Tobias endete nicht an jenem Abend.

Sie zogen für einige Wochen getrennt voneinander zu Freunden. Danach begannen sie eine Paarberatung. Tobias war nicht nur wegen Margits Behandlung verletzt, sondern auch, weil Nina ihm jahrelang eine vereinfachte Version ihrer Familie erzählt hatte.

Nina wiederum warf ihm vor, ihre Vergangenheit vor Gästen und Verwandten indirekt gegen sie verwendet zu haben.

Sie mussten entscheiden, ob sie nach dem schönen Fest noch eine weniger schöne, aber ehrlichere Ehe führen konnten.

Margit hielt sich aus dieser Entscheidung heraus.

Das fiel ihr schwerer, als sie zugeben wollte.

Mehrmals begann sie eine Nachricht an Tobias und löschte sie wieder. Sie wollte wissen, wie es ihm ging und ob Nina nach Hause zurückgekehrt war.

Dann erinnerte sie sich an das Gespräch mit Frau Krüger.

Ninas Ehe war nicht ihre Aufgabe.

Stattdessen begann Margit, einmal pro Woche in einem Nachbarschaftstreff zu helfen. Hannelore hatte sie überredet, zunächst nur Kaffee auszuschenken.

Dort lernte sie Brigitte kennen, eine pensionierte Lehrerin, die nach einer Scheidung neu nach Hannover gezogen war. Die beiden gingen gelegentlich ins Kino und besuchten einen Töpferkurs.

Margit wurde keine Gründerin eines großen Zentrums. Niemand schrieb ein Buch über sie.

Sie hatte dienstags einen festen Termin, donnerstags einen Töpferkurs und sonntags manchmal nichts vor.

Allmählich lernte sie, dass ein leerer Sonntag nicht automatisch bedeutete, vergessen worden zu sein.

12. Ein gewöhnlicher Anruf

Vier Monate nach der Hochzeit saß Margit am Küchentisch und sortierte Fotos für ein Album, als das Telefon klingelte.

Nina.

Margit ließ es zweimal klingeln, bevor sie ranging.

„Hallo?“

„Störe ich?“

„Nein.“

Nina fragte, wie der Töpferkurs gewesen sei. Margit erzählte von einer schiefen Schale, die beim Brennen einen Riss bekommen hatte. Nina lachte.

Danach sprachen sie über einen Roman, den beide gelesen hatten, und über eine Baustelle in Ninas Straße.

Keiner erwähnte die Hochzeit.

Keiner entschuldigte sich erneut.

Nach zwanzig Minuten sagte Nina:

„Ich wollte eigentlich nur hören, wie dein Tag war.“

Margit betrachtete die kleine Schachtel auf dem Tisch. Darin lagen die Perlenohrringe ihrer Mutter.

„Er war ganz gut“, antwortete sie. „Und deiner?“

Als das Gespräch vorbei war, nahm sie die Ohrringe aus der Schachtel. Sie trug sie nicht mehr nur zu Beerdigungen oder großen Familienfeiern.

Am folgenden Dienstag steckte sie sie zum Töpferkurs an.

Brigitte betrachtete sie.

„Schöne Perlen.“

Margit berührte kurz eine davon.

„Sie gehörten meiner Mutter.“

Dann zog sie ihre Schürze über und setzte sich an den Arbeitstisch.

Die Schale, die sie an diesem Abend begann, wurde nicht ganz rund. Früher hätte Margit versucht, sie so lange zu korrigieren, bis der Ton zusammengefallen wäre.

Diesmal ließ sie die kleine Unebenheit stehen.

Kann eine Mutter ihrer Tochter vergeben, wenn sie zugleich anerkennen muss, dass auch ihre eigene Liebe manchmal zu viel Druck erzeugt hat?